Widerstand in 140 Zeichen #S21

Ich nutze twitter nun schon seit dem 14. Januar 2009.
Was mit belanglosen tweets über das Wetter Stuttgarts etc. anfing, entwickelte sich bei mir ziemlich rasch weiter.Als 2009 der Widerstand gegen das Milliardengrab Stuttgart 21 immer mehr Fahrt aufnahm stellte ich fest, dass im Internet das Thema Stuttgart 21 noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde. Es gab bis dahin eigentlich nur die Webseite kopfbahnhof21.de als Informationsquelle im Netz. Bis dahin fand der Widerstand praktisch nur klassisch draußen im freien statt.

So begann ich immer wieder tweets mit Fakten zum bestehenden Kopfbahnhof und zum geplanten Durchgangsbahnhof in 140 Zeichen zu packen und mit dem Hashtag #S21 zu versehen. Damit dürfte ich einer der Ersten gewesen sein der diesen Hashtag für den Widerstand im Netz nutzte.
Zu dieser Zeit (Ende 2009) war auf twitter im deutschsprachigen Raum generell noch recht wenig los. Trotzdem fanden sich schon bald die ersten Mitstreiter im Widerstand, die ebenso im Web2.0 vertreten waren. Unter anderem war das @mnostG und @LaviniaSt die sich auch immer mehr über twitter dem Thema Stuttgart 21 widmeten. Das interessante war dabei, daß man sich sowohl über das Netz, als auch im reellen Leben kennen lernte und gemeinsam über twitter für Aufklärung gegen Stuttgart 21 sorgte und gleichzeitig aber auch real zu den Montagsdemos ging. Dies hat sich bis heute auch nicht geändert.

Seither begleite ich den Widerstand auf twitter und berichte über Demos, Veranstaltungen und Aktionen rund um Stuttgart 21. Was anfänglich noch in den Weiten des Internets verloren ging sollte sich mit Beginn des Abrisses des Nordflügels gewaltig ändern. Ab diesem Zeitpunkt war twitter plötzlich zum einen wichtig unter den Mitstreitern schnell Informationen zu verbreiten und zum anderen interessierte sich zunehmend auch die überregionale Presse über das was dort auf twitter zu den Ereignissen geschrieben wurde.
Einige Zeitungen haben seither extra Themenseiten zu Stuttgart 21 auf denen sie auch die #S21-twitter Meldungen live eingebunden haben.

Mit dem Abriss des Nordflügels kam auch die Internetseite der aktiven Parkschützer „Bei Abriss Aufstand“ ins Netz. Hier wurde gleich von Anfang an twitter fest ins Konzept eingebunden und ist heute nicht mehr voneinander trennbar zu einem der wichtigsten Informationsquellen des Widerstandes gegen Stuttgart 21 geworden.

twitter entwickelte sich immer mehr mit dem Hashtag #S21 zu einer wichtigen Informationsquelle des Widerstandes und wir lernten schnell das schnelle Medium als eine Art Gegenöffentlichkeit zu nutzen. Es war möglich schnell und gezielt Informationen zu streuen und falsch verbreitete Informationen der Presse, der Bahn oder der Regierung richtig zu stellen.
Besonders Intensiv war die Mediale Aufmerksamkeit auch während der Schlichtung die wir über twitter live begleiteten und kommentierten bzw. Zeitgleich zu Schlichtungsthemen die entsprechenden Daten, Untersuchungen etc. im Netz zugänglich machten.

Da mit der Zeit twitter immer bekannter wurde und auch mehr User sich für das Thema Stuttgart 21 im Netz interessierten war es an der Zeit einen Kreis mit twitter-Usern zu bilden denen man vertrauen konnte und wußte das sie nur gesicherte und qualifizierte Informationen zu #S21 verbreiten würden. So entstand dann die #TBG, die Twitter-Bezugs-Gruppe.

Mit dem 30.9., dem Schwarzen Donnerstag, begaben wir uns mit twitter auch auf neue Wege. Zum ersten Mal wurde neben den bisher üblichen Verbreitungswege wie Telefon, SMS, Webseiten oder Facebook auch über twitter Morgens die Alarmierung ausgelöst. An diesem Schlüsselereignis zeigte sich wie sehr der Widerstand, wie sehr wir, über twitter eine enorme Kraft ausstrahlten. Via twitter und dem Hashtag #S21 konnte nun jeder, an jedem Ort, live miterleben was genau dort im Mittleren Schloßgarten vor sich ging. Noch lange bevor die Lokalpresse davon berichtete.

In Sekundenschnelleschnelle ging das Bild von Herrn Wagner um die ganze Welt. Und als noch lange die Presse von steinewerfenden Demonstranten sprach, war über twitter klar, daß es sich nur um Kastanien handelte. Die tweets aus und um den Park wurden in Zeitungsberichte übernommen, kamen in den Nachrichten und die ganze Welt las mit entsetzen was im braven Schwabenländle gerade vor sich ging.
Dieser Tag veränderte Stuttgart, veränderte Deutschland und ja, twitter und die #TBG war dabei nicht unerheblich beteiligt.

So entwickelte sich der Hashtag #S21 und die #TBG zu den Meinungsmachern und hatten von Anfang an die Meinungshoheit über das Thema Stuttgart 21 auf twitter. Die sogenannten Befürworter als auch die Projektpartner Stadt, Land und Bahn hatten diesen wichtigen Trend nicht nur unterschätzt, sondern ganz einfach verschlafen. Man versuchte zwar von deren Seiten mit gefaketen Accounts gegen zu lenken, aber der Widerstand war zu dieser Zeit schon viel zu fest auf twitter verankert als diese Attacken auch nur irgendetwas anrichten hätten können.

Die verschlafenen Projektbefürworter versuchten daraufhin einen Gegenangriff auf Facebook zu starten. Steckten unmengen an Geld in diese Offensive und verkündeten zum Schluß über 100.000 „gefällt mir“-Klicke. Wohl eines der besten Beispiele um zu zeigen das man Social Media nicht verstanden hat.
Ein guter Artikel dazu auf METRONAUT: Stuttgart 21: Mit PR-Agenturen gegen Demonstranten

Rückblickend läßt sich aber beruhigend feststellen, aller Aufwand der Projektbefürworter das Meinungsbild auf Social Media Kanälen umzukehren hatte nicht funktioniert. Nicht alles läßt sich eben mit Geld erledigen.

Löst der Widerstand über Social Media den klassischen Widerstand auf der Straße ab?
Ganz klar Nein! Widerstand nutzte schon immer die neusten Medien zu seinem Nutzen. Seien es Flugblätter, oder Piratenradios, usw. twitter wird dies nur erweitern und um ein schnelles Medium bereichern. Facebook spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Da es einfach zu „langsam“ ist und reiht sich daher eher in die Riege der Informationsverbreitung analog klassischer Webseiten ein.

Auch die Polizei startete im vergangenen Jahr mit einem twitter-Account um die „Kommunikation“ mit den Gegnern des Widerstandes zu erweitern. Nach über 2 Jahren reichlich spät. Dementsprechend schlecht ist das Projekt auch umgesetzt und angenommen worden. Ich würde sogar so weit gehen und es gar stümperhaft bezeichnen.

Wie gefährlich der Widerstand gegen Stuttgart 21 auf twitter von öffentlichen Stellen eingeschätzt wird sieht man daran, daß aufgrund von twitter-Meldungen schon bei manch Stuttgart 21 Gegnern Hausdurchsuchungen, Anzeigen etc. statt fanden.
BigBrother is watching us!

 

Und die Zukunft?
Der Widerstand, nicht nur gegen Stuttgart 21, ist nicht nur im Web2.0 angekommen, sondern fest etabliert. camS21 erweitert seit langem das Spektrum der aktuellen Berichterstattung um das bewegte Bild, und in der ganzen Welt wird mittlerweile twitter als das Hauptinstrument zur Verbreitung ihrer Nachrichten benutzt. Durch twitter und live-Bilder via Handycams sind Protestbewegungen trotz Zensur, trotz falscher oder schlechter Berichterstattung auf der ganzen Welt zu sehen und werden gehört! Die Welt ist im Umschwung, die Welt steht auf und vernetzt sich! Achtung Regierungen! Es könnte unangenehm werden!

zum lesen:
Interview mit mir in der UZ (14.6.2011): „Unser Widerstand hat Deutschland verändert
web evangelisten: Stuttgart21 im Spiegel von Twitter
Peter Hoffmann: 12 hours #s21 on Twiter

2 Kommentare

  1. LaviniaSt sagt:

    Hallo Andre,
    leider habe ich den Artikel bei meinem regelmäßigen Blogs lesen letzten Monat übersehen.
    Trotzdem und wenn auch etwas später ein #ilike von meiner Seite.
    Nur eine Sache stimmt nicht ganz: „Dies hat sich bis heute auch nicht geändert.“ – mittlerweile liegen mehrer 100 KM zwischen hier und Kessel Downtown. Doch, ich vermisse euch alle und soviel kann ich schon verraten: wir werden am 30.09.2012 hier in Berlin eine Mahnwache in der Nähe des DB HQ veranstalten.
    #OBENBLEIBEN

  2. […] vor einem Jahr, am 23. Juni 2011, gings mit dem Artikel “Raus aus den 140-Zeichen” hier los. Mein Ziel war es für manche Themen einfach mehr Platz zu haben als bei […]

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