79. Montagsdemo & Blockade des GWM

Viel ist schon dazu geschrieben worden, leider auch viel zu viel Schrott.
Ich hab mir lange überlegt ob ich dazu etwas schreiben soll. Da mir dazu aber diese Woche so viel im Kopf herumschwirrt muss das einfach mal raus.

Um das Ganze zu verstehen muss man sich den gesamten Montag betrachten

Früh Morgens fand wieder die alltägliche Blockade der GWM-Zufahrt beim ehemaligen ZOB statt. Etwa 70 Leute waren an diesem Morgen dabei.
Es zeichnete sich relativ früh ab das dieser Morgen anders verlaufen würde als gewöhnlich. Schon bald kamen die ersten Infos das am Planetarium-Parkplatz, sowie in der alten Polizeiwache „Neckarrealschule“ etliche Wannen, sowie Reiterstaffel zusammengezogen würden. Vor Ort aber war außer dem Videowagen und der Einsatzleitung (Herr Weinstock) noch keine Polizei aufgefahren. Im Gespräch mit Herrn Weinstock sprach ich die zusammengezogene Einheiten an wobei Herr Weinstock versuchte die Situation zu entschärfen: „Wir werden heute wieder ruhig auffordern und gegebenenfalls ruhig räumen“. Natürlich kam es anders.

Mit einem Großaufgebot an Landes- und Bundespolizei ließ Polizeipräsident Züfle zügig die Blockade mit den Zelten räumen, sperrte ab Höhe Café Nil bis Ende Einfahrt GWM/ehem. ZOB die Cannstatter Straße mit Hamburger Gittern.
Die Blockierer und andere Gegner von Stuttgart 21 konnten dann über den Tag zusehen wie die Bahn im polizeilich gesperrten Bereich die ersten Stützen für das geplante GWM-Rohrleitungssystem installierte.
Hier liegt der gravierende Denkfehler der Bahn und mitunter auch der Polizei. Diese gingen bisher davon aus das der Widerstand abgeebbt sei. Doch für viele war bis dahin alles erst mal in einer Art Wartestellung. Man wollte der neuen Grün-Roten Regierung erst mal die Chance geben sich zu beweisen, wollte erst mal schauen was bei dem Stresstest herauskommen würde und dachte nicht daran das die Bahn tatsächlich vor dem Stresstest und mit Hintergrund des Antrags auf Mehrentnahme beim GWM, mit dem Aufstellen des GWM-Rohrleitungssystem beginnen würde.

Das Mineralwasser ist das Heiligste für den Stuttgarter Bürger

So wurde es also 18 Uhr und vor dem Hauptbahnhof begann die 79. Montagsdemo. An den Teilnehmerzahlen konnte man sehen das die aktuellen Ereignisse rund um den Stresstest, GWM, etc. wieder mehr Bürger auf die Straße gehen ließen. Der Bürgerzorn über die Ignoranz der Bahn ist wieder am köcheln!

Der anschließende Demozug zum GWM war schon vor den Ereignissen genehmigt

Eigentlich hätte (wie auch am 30.09.) das Ordnungsamt Stuttgart entweder diesen Demozug oder die Arbeiten der Bahn nicht genehmigen dürfen da man davon ausgehen musste das dies die Emotionen aufkochen lassen würden.
Naja, aber das in diesem Amt wohl nicht mit gedacht wird wissen wir ja längst.
So zog also die Menge von ca. 3000 Bürgern nach der Montagsdemo gegen 19 Uhr friedlich über die Cannstatter Straße zum GWM. Dort wurde musiziert und sich unterhalten. Eine viertel Stunde später sah ich die Jungs und Mädels auf dem Dach des GWM. Zuvor hab ich weder vom Eindringen, noch von der Besteigung des GWM etwas mitbekommen da ich mit anderen an der Wand des Südflügels stand. Gleich war für mich und viele andere klar das man auch mal in das GWM-Gelände gehen mochte. Was dann auch rund 1000 friedliche Bürger von Jung bis alt auch taten.

Friedliche Besetzung statt Krawalle

Die Besetzung des GWM durch die Bürger, durch das Volk verlief trotz vieler anders lautenden Pressemeldungen friedlich. Die Redaktionen die mit den härtesten Wörtern titelten waren nicht vor Ort und bezogen ihre „Informationen“ lediglich von Agentur- und Pressemeldungen der Polizei.
Gleich am Anfang der Besetzung des GWM-Geländes konnte man einen lauten Knall und viel Rauch am rechten Teil des GWM-Geländes wahrnehmen. Ich eilte mit Polizeibeamten zu dieser Stelle wo weit und breit keine Polizei stand. Nachdem dort nichts festzustellen gab zogen die beiden Beamten wieder ab.
In dem besetzten GWM-Gelände wurde zu Musik getanzt und wurde angeregt z.B. über den Stresstest diskutiert. Anfangs hatten die Beamten ihre Helme auf und Schlagstöcke am Mann.

Gegen späteren Abend hingen die Schlagstöcke und Helme am Gürtel. Also alles Andere als eine eskalierende Situation!

Ich lief die ganze Zeit immer wieder über das Gelände um mir ein Bild von der Besetzung und des GWM-Geländes zu machen. Ja, die Kräne etc. wurden erklommen, ja es wurden über die Ventile Luft aus Reifen gelassen, und ja es wurden die Fahrzeuge beklebt. Aber es wurden nach meinem Ermessen z.B. nirgends Reifen zerstochen.
Kommen wir zu den Rohren, etc. Ja diese wurden angemalt, beklebt und von Jungen und alten, von kleinen und Großen Bürgern unschädlich gemacht! Das ist aber absolut verständlich wenn man eben bedenkt das dem Stuttgarter Bürger das (Mineral)wasser sehr am Herzen liegt. War das doch die Möglichkeit der Bahn diese Rechnung erst einmal zu durchkreuzen, da ohne Rohre auch keine Grundwasserentnahme aus dem Park!
Diese Unschädlichmachung verlief ruhig und parallel zum feiern, also nicht wie suggeriert außer Kontrolle oder gar im wilden Chaos! Man bedenke das die Firmen und ihr Material ja auch versichert ist und dieses daher leicht zu ersetzen ist.
Nachdem die Besetzer des GWM-Daches freiwillig runter kamen und in die Polizeibusse abgeführt wurden bin ich dann gegen 23 Uhr nach Hause abgezogen.

Angebliche (Schwer)Verletzte Polizisten und Zivil-Beamte

Das 8 Polizisten ein Knalltrauma durch diesen (unnötigen!) Knallkörper erlitten bekam ich zuerst nicht vor Ort mit. Alle Polizisten die den Zugang zur GWM-Halle sicherten (und nur um die kann es gehen) blieben nach dem Knall unversehrt, unterhielten sich mit den Demonstranten. Von einem Post-Knalltrauma hab ich noch nichts gehört. Zudem hätten dann gut 30 Demonstranten die näher am Ort des Knalls standen auch solche Symptome haben müssen. Laut Zeugenaussagen empfanden es diese „kurz laut, aber nicht schlimm.“

Von dem Vorfall mit dem Zivil-Beamten habe ich vor Ort überhaupt nichts mitbekommen. Klar ist mir bekannt das bei jeder BFE-Einheit zwei Zivile Aufklärer (ZAK) dabei sind, die jedoch meines Wissens unbewaffnet sind.
Laut Züfle war der Zivil-Beamte aber auch vom Landeskriminalamt (LKA). Was dieser überhaupt in der Menge zu suchen hatte und dazu noch mit einer sichtbaren Waffe ist mehr als fraglich und bedarf einer unverzüglichen Aufklärung!
Das dieser dann von Bürgern zu Boden geworfen wird und von Bürgern zur Polizei gebracht wird zeigt meiner Meinung nach Zivilcourage. Wär hätte denn den Mut einen bewaffneten Mann unschädlich zu machen? Der bewaffnete Mann hätte ja auch auf Demonstranten oder gar Polizisten schießen können. Man wusste es nicht und handelte vorbildlich!

Alles andere als Vorbildlich: Die Presse

Leider sieht man am Beispiel von Stuttgart 21 wie die Presse heute leider viel zu oft arbeitet. Auf die Zeitungs-Internetportale werden ungeprüft Tickermeldungen übernommen, In Print und TV werden Agenturmeldungen mit Polizeimeldungen zu einem Bericht zusammengeführt ohne den Inhalt zu prüfen oder gar selbst zu recherchieren. Ich sehe da abseits vom Thema Stuttgart 21 eine große Gefahr der Pressefreiheit! Ungefiltert, ungeprüft etwas zu schreiben, dann in Folge dessen auch noch falsch wiedergeben ist alles Andere was sich die Presse eigentlich so gerne auf den Hut schreibt: Unabhängig

Dieser Abend, diese Besetzung war wichtig. Wichtig um ein Zeichen zu setzen. Der Bahn zu zeigen das sie noch so viel Baurecht haben mag, wir aber diesen Tiefbahnhof nicht haben möchten! Um kein Geld der Welt!
Darum gehen wir auf die Straße, darum müssen wir auch manchmal unerwartetes machen, darum müssen wir kämpfen!


8 Kommentare

  1. Denkerle sagt:

    Lieber Andre, toll, daß Du nun einen Blog hast. Danke für den Bericht über Deine Erlebnisse Montag. Bin nach wie vor der Meinung, daß die ganze Aktion so gewollt war, um uns Gegner von S21 in der Presse zu diskreditieren. Die Seite von Cams21 war „pünktlich“ zu Beginn der Geschehnisse off. Liebe Grüße Ulla (Denkerle) #tbg

  2. 3c5x9 sagt:

    Zumindest kann ich aufklären warum Cams21 über Bambuser offline war und die Streams auf der Webseite nicht funktionierten:

    Bambuser war offline. Wenn ich es richtig verstanden habe ist bei deren Provider ein Stromausfall Ursache. Bambuser war nicht nur in Stuttgart über Mobilfunk, auch bei mir in Hamburg über Festnetz und der ganzen Welt nicht erreichbar.
    Die Gerüchte, das jemand Handynetze abgeschaltet oder zensiert hätte, sind haltlos. Wenn nen Tweet oder Bild nicht gesendet werden konnte wird das an der Überlastung der Funkzellen und der Menge an gleichzeig sich vor Ort befindlichen und sendenden UMTS Endgeräten gelegen haben.

    • Denkerle sagt:

      Danke für die Information, daß Bambuser genau zu diesem Zeitpunkt einen Stromausfall hatte! Dann war das tatsächlich ein Zufall. Und bestimmt war das Netz in Stuttgart gleichzeitig auch noch sehr überbelastet.

  3. Andrea Nicht-Roth sagt:

    Hallo Andre, danke für den Bericht! Genau so habe ich den Abend auch erlebt.

    Als der Böller hinter mir losging, stand ich ca 10 Meter entfernt. Ich bin tierisch erschrocken, weil es sehr laut war, habe mich umgedreht und den weißen Rauch gesehen. Ich hatte den Eindruck allen war klar, dass es sich um einen Böller gehandelt hat, von Aufregung keine Spur.

    Wir sind gegen 20.30 Uhr zum Südeingang des Bahnhofs gegangen, vorbei an entspannt herumstehenden und plaudernden Polizisten. Beinahe hätten wir ihnen noch für ihr besonnenes Verhalten während der Baustellen-Besetzung gedankt. War ich aber dagegen 🙂

    Gegen 21 Uhr hab ich noch meinen Sohn angerufen, der gesagt hat, die Lage sei sehr entspannt.

    Darf ich den Bericht bei den Heidelbergern gegen S21 ins Netz stellen?

    Grüßle, Andrea

  4. E.Mann sagt:

    Hallo Andre, möchte um die Erlaubnis bitten, den Bericht in meinem Mail-Verteiler zu verbreiten. Geht das ?

    Gruß E.Mann

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