Der Nesenbach – Stuttgart im Fluß

Stuttgart behauptet sehr gerne Stadt am Neckar zu sein. Doch das erzählt man mal einem Cannstatter – Der wird heftigsten Protest einlegen. Nicht Stuttgart, sondern Bad Cannstatt liegt am Neckar. Stuttgart könnte sich höchstens Stadt am Nesenbach nennen. Mag sie aber nicht, denn seit dem Mittelalter wird der Nesenbach nur mit Fäkalien in Verbindung gebracht.

Wer durch Stuttgart geht bewundert vielleicht die tollen Gebäude aus den verschiedensten Epochen, bewundert und genießt vielleicht das viele Grün in der Stadt und die gemühtlich, schaffige Atmosphäre Stuttgarts und die vielen Brunnen und Stäffele, aber einen Fluß, einen Bach oder dergleichen sucht ein Besucher vergebens in Stuttgart. Zwar gibt es aus früherer Zeit noch den Feuersee, der aber außer den Wasserschildkröten nicht viel sehenswertes bietet. Ebenfalls stolpert ein Besucher eventuell aus Versehen beim Gang von der Königstraße zur Staatsoper über den Eckensee, doch auch hier wird er eher nicht verzückt schauen, viel mehr seine Nase rümpfen beim Geruch des gekippten künstlichen Gewässers das im Charme der 60er in einem Eckigen Betontrog (daher Eckensee) vor sich her schwappt. Früher lag dort ein oval angelegter See mit natürlichem Zu- und Abfluß. Weiter unten im Schloßgarten das ähnliche Bild. kleine, künstliche Bachläufe die mehr stehen als laufen; die mehr stinken als verzaubern. Diese enden dann ebenfalls in künstlich angelegten Tümpeln. Schade eigentlich! Denn Stuttgart hätte das so gar nicht nötig! Stuttgart hat seit je her einen ansehnlichen Bach dessen verlauf einmal durch das ganze Tal verläuft. Wie so oft in der Geschichte der Stadt hatte auch hier der Stuttgarter nichts für die Natur, für den Nesenbach übrig. Man benutzte ihn lediglich!

Aber mal von Anfang an:
Bevor sich die Stadt Stuttgart in diesem Tal entwickelte gab es dort früher eigentlich nichts außer sumpfige Böden und Wälder. Dieses Tal muß so uninteressant gewesen sein das sich lange niemand dorthin verirrte. Weder Kelten, noch Römer schlugen hier ihre Lager auf. Sie alle wanderten oberhalb des Tales entlang, über den heutigen Pragsattel, nach Cannstatt. Dort gefiel es dann wieder nachweislich vielen Kulturen. Lediglich einmal muß sich ein Eiszeitlicher Jäger an den Talrand Stuttgarts verirrt haben. Man fand eine kleine Raststätte etwa unter der heutigen Treppe der großen Schalterhalle des heutigen Hauptbahnhofs. Auf ein Zug wartete er wohl noch vergebens. So richtig besiedeln wollte also dieses Tal niemand. Erst als man den Stutengarten und später die Residenz nach Stuttgart verlegte wurde das Tal mehr und mehr bewohnt und so auch versucht trocken zu legen.

Das man da früher sehr kreativ und mit viel Können zu Gange war kann man heute in alten Büchern nachlesen. So wird beispielsweise beschrieben das die Wengerter ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem an den Hängen entwickelt hatten nachdem bei größeren Regen immer Massen von Wasser schnell ins Tal liefen. Durch geschickte Kanalisierung des Regenwassers brauchte es nach einem Regen gut einen Tag bis es durch die Kanäle unten im Tal ankam. Diese Verzögerung war bitter nötig, denn bei Regen schwoll auch der friedliche Nesenbach zu einem reisenden Strom an. Es gab einige große Überschwemmungen (größte 31.7.1508, letzte 1951, 1965 und 1966) die jedes mal die ganze Stadt verwüsteten. Jedes mal litten vor allem die Holz- und Lehmhäuser stark.

So kam es das man per Erlass regelte die ersten 50cm eines Hauses zu mauern um weniger Schäden bei einer Überschwemmung zu haben. Bei einer Grabung im Tonnengewölbe des alten Schloßes 2008 fand man Grundmauern des Vorgängerbaues, das wohl durch eine Unterspülung eingestürzt sein muß. Danach drehte man den heutigen Bau um 45 Grad damit die Mauern mit dem Bachlauf standen und keinen Riegel mehr bildeten. Einige dieser Überschwemmungen forderten Todesopfer. Deshalb und auch weil der Nesenbach immer mehr zum Entsorgen von Allerlei Müll bis zu den Fäkalien diente wurde der Bach zuerst eingefasst und im Laufe der Zeit auch immer mehr verdolt. Damals tat dies sicherlich der Nase gut, aber die Natur war außen vor. Der Nesenbach war Lebenselexsir. Führte er zunächst ausschließlich Trinkwasser in die Stadt, wurden später mit Hilfe seiner Wasserkraft die Mühlen Stuttgarts betrieben, und so siedelten sich auch Metzger, Gerber etc. am Bachlauf an. Entsprechend nahm die Verunreinigung kontinuierlich zu. Um den Bach in der Regenarmen Zeit aber nicht von dem ganzen Unrat verstopfen zu lassen brauchte es mehr Wasser. So wurde der Pfaffensee aufgestaut und durch den Christophstollen mit dem Nesenbach verbunden. So konnte man immer mal wieder den Bach frei machen und bei bedarf zusätzliches Wasser für die Mühlen zuführen. Bei extremen Regenwetter oder zu Reinigungszwecken wird noch heute Wasser durch den Christophstollen in den Nesenbachsammler geleitet.

Begibt man sich heute auf das Niveau des Nesenbachs in der U-Bahn Haltestelle Rathaus. Dort wurde der Nesenbach 1886 für einen Franzosen zum Verhängnis. Dieser hatte angeblich zu tief ins Glas geschaut und fand nachts nicht mehr nachhause. Wie er so vor sich hin torkelte, stieß er zu dem einzigen Zugang zum überdeckelten Nesenbach unweit der heutigen U-Bahn Haltestelle Rathaus. Er verlor den Halt, fiel in den Fluss und trieb durch den Kanal, bis ihn ein Hofgärtner aus den Fluten rettete. Von da an nannte man den Zugang in der Marktstraße das “Franzosenloch”.

Heute erinnern an den Nesenbach nur noch die Nesenbachstraße und der seit den 80ern fertiggestellte künstliche Nesenbach durch das Gerberviertel, der nie Wasser führte aus Angst man könnte sich oder sein Auto verletzen. Ältere Stuttgarter mögen sich noch an ein Stück des Nesenbaches im Breuninger erinnern. Genau beim Breuninger verläuft der Nesenbach. Deshalb muß man im Übergang vom Mittelbau zum Hochhaus im Erdgeschoss kurz eine (Roll-)Treppe runter und wieder hinauf gehen. Genau dort fließt der kanalisierte Nesenbach hindurch. Heute gar nicht mehr sichtbar, früher durch Aquarien angedeutet war dies immer ein Hingucker. Ebenfalls fließt der Nesenbach unter dem Planetarium unterhalb des Projektors hindurch.

Heute dient der gesamte Nesenbach als Hauptsammler des gesamten südlichen Städtischen Abwassers. Was früher bei der König-Karlsbrücke direkt in den Neckar floß wird heute umgeleitet und im Klärwerk Mühlhausen aufbereitet. Jedoch ist der trotz Kanalisierung und in den Untergrund verbannte Nesenbach längst nicht gezähmt worden. Auch heute noch bei jedem Regen kämpft Stuttgart mit den Regenmassen die das Tal herunter rollen. Dem Autofahrer und Fußgänger fällt das auf wenn auf den Stadtautobahnen Wasserströme statt Autos laufen. Im Untergrund herrscht dann Alarm!

Plätschern normalerweise 1000 Liter pro Sekunde den verdolten Nesenbach ins Tal, rasen bei Regen rund 100.000 Liter pro Sekunde durch den Hauptsammler. Um den Massen der versiegelten Stadt noch irgendwie Herr zu werden mußte die Stadt sogenannte Regensammelbecken bauen. Eines der größten liegt unter dem Mineralbad Leuze. Was bei schönem Wetter leer ist und nur vom Nesenbach gestreift wird läuft bei Regenwetter binnen wenigen Stunden voll unnd fängt so unmenegen Regenwasser auf und verhindert so das Stuttgart im Regen untergeht.

Tja und nun? Was machen mit dem Nesenbach? Ihn weiter vergessen und ihn seiner Aufgabe als Abwassersystem sein Dasein gewähren lassen? Oder ihn wenigstens teilweise aus seinem engen Korsett zu befreien und ihn wieder in das Stadtbild integrieren? Ihn als natürlichen Zulauf für die Seen in Stadt und im Park zu nutzen statt teures Geld für Reinigung und Pumpen auszugeben?

Tja, man könnte sicherlich einiges machen wenn man wollte. Leider fehlt den Stadtoberhäuptern wie eh und je jeglicher Sinn für eine lebenswerte Stadt! Und da diese Idee erst einmal auch noch richtig Geld kosten würde wird dies wohl leider immer ein Wunschgedanke bleiben. Damit lässt sich halt nicht auf die schnelle Geld machen oder einen Investor locken. Jedenfalls nicht die, die man bisher immer all zu gerne umworben hat. Immer mal wieder gibt es Initiativen Teile wieder an die Oberfläche zu holen, doch bisher hat es keine der Initiativen vernünftig in die Tat umsetzen können. Mal scheiterte es am Geld, mal an den Einwohnern, mal an den Grundstücksverhältnissen. Die bekanntesten Versuche waren zum einen die Nesenbachstraße. Hier wurde ein künstliches Bett angelegt. Dies sah aber niemals Wasser da es von den Anwohnern mit der Begründung verhindert wurde es wäre dann zu laut und zu gefährlich. Richtung Kaltental dolte man in den 90er Jahren den Nesenbach nahezu komplett ein und legte darüber einen künstliches, kleines Bachbett an das heute eher so vor sich hin vegetiert. Gleiches gilt für die unteren Anlagen im Schloßgarten. Hier wurde immer wieder versucht mit Frischwasser einen Bachlauf zu simulieren. Leider sind alle kleinen Seen und das Rinnsal eher Brutstätte tausender Mückanarten als einer Erfrischung fürs Auge. Ob Stuttgart also je wieder seinen Nesenbach sehen wird bleibt weiter ungewiss. Die Zeit läuft gegen ihn. Viele Zugezogene Stuttgarter schauen einen heute schon verdutzt an wenn man von Stuttgart am Nesenbach redet. „Nesen-was? Du meinst sicherlich den Neckar?“

Bilder: Dietenberger, Kunz, SES

3 Kommentare

  1. Manne sagt:

    Hallo Andrè,

    Da hast Du ein tolles Thema sehr gelungen bearbeitet und beeindruckend bebildert! So einen interessanten Artikel würde ich gern auch mal in der Stuttgarter Zeitung oder Stuttgarter Nachrichten lesen.Schick den Bericht doch auch an die OB – Kandidaten…
    Mach weiter so! Dein Blökle liest man gern!

    Liebe Grüße
    Manne

  2. Scheee, dei Blöckle, dank`dr , an liaba Gruaß von dr Isa 🙂

  3. Achim Kaden sagt:

    Hallo André!

    Die Stuttgarter Nachrichten haben ein Kreuzworträtsel in Ihrer Ausgabe vom 19. April 2014 in dem nach dem Fluß gefragt wird, der durch Stuttgart fließt.
    Und die Antwort: Natürlich der Neckar!

    Ich habe denen auch gleich einen entsprechenden Leserbrief geschickt.

    Eine schöne Woche wünscht Dir

    Achim

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