Der alte Central Bahnhof Stuttgart

Eigentlich wäre Stuttgart nicht von der Eisenbahn erschlossen worden. Geografisch war Cannstatt durch seine Lage am Neckar viel zentraler gelegen als die Residenzstadt Stuttgart. So wurde auch die erste Eisenbahnstrecke nicht in, sondern vor den Toren Stuttgarts, von Cannstatt nach Untertürkheim gebaut. Diese wurde am 22. Oktober 1845 durch König Wilhelm I feierlich eröffnet. Stuttgart sollte ursprünglich nur durch eine Stichbahn mit Cannstatt verbunden werden.

Da König Wilhelm I auch Eisenbahntechnisch Stuttgart als Mittelpunkt erstrahlen lassen wollte beschloß man einen Centralbahnhof in der Nähe des Neuen Schloßes zu bauen (Centralbahn Württemberg).
Als Erbauer wurde Baurat Karl von Etzel bestellt. Schon sein Vater, der Stadtplaner Gottlieb Christian Eberhard von Etzel war als Erbauer der Neuen Weinsteige in Stuttgart bekannt.
Der Central Bahnhof sollte in direkter Nähe zum Neuen Schloß in der Schloßstraße (heutige Bolzstraße) entstehen und mußte sich in die bestehenden Häuser und Umgebung eingliedern. Er wurde als viergleisiger Kopfbahnhof mit einer hölzernen Dachkonstruktion und ins damalige Straßenbild passenden Rundportalen umgesetzt.

Am 12. September 1846, dem 65. Geburtstag König Wilhelms I, wurde der Central Bahnhof eröffnet. König Wilhelm I fuhr von Cannstatt durch das neu erbaute Rosensteintunnel in den Central Bahnhof. 3 Tage später, am 15. September 1846, folgte dann die offizielle Inbetriebnahme des Central Bahnhof und damit auch die Strecke Cannstatt – Ludwigsburg.

Schnell wurde jedoch der viergleisige Central Bahnhof den verkehrlichen Erfordernissen zu klein, so daß der Central Bahnhof durch Georg Morlok in den 1860er Jahren für weitere vier Gleise umgebaut wurde.

1890 registrierte man über vier Millionen Bahnreisende und nur 10 Jahre später (1900) waren es schon knapp siebeneinhalb Millionen. Da aber der Standort in der Schloßstraße keinen Platz mehr zur erneuten Erweiterung bot, fasste man den Plan für einen Neubau an einer neuen, geeigneten Stelle zu planen.

Übrigens weihte man am 16. Oktober 1899 den ersten Fernsprechautomaten Stuttgarts in der Halle des Central Bahnhofs feierlich ein.

Nach langen Diskussionen um den neuen Standort und über die Ausführung entschied 1907 König Wilhelm II (1848-1921) nicht wie vorgeschlagen den neuen Bahnhof als Durchgangsbahnhof (Sprickerhof’scher Durchgangsbahnhof) mit Tunnels durch den Kriegsberg umzusetzen, sondern an selber Stelle an der Schillerstraße einen Kopfbahnhof erbauen zu lassen. Eine Erhebung ergab das 95% der Reisenden Stuttgart als Ziel hatten.

1911 begann man mit dem Bau und am 21. Oktober 1921 feierte der unter Paul Bonatz erbaute Hauptbahnhof die Fertigstellung des ersten Bauteiles (Gleise 9-16) an der Schillerstraße.
In der Nacht zum 22. Oktober 1922 fuhren die letzten Züge aus dem alten Central Bahnhof in der Schloßstraße und die ersten Züge endeten im neu erbauten Hauptbahnhof an der Schillerstraße.

Abriss für den neuen Hauptbahnhof:
Haus Schillerstraße 1 (Brauereibesitzer Kolb), das direkt vor der großen Schalterhalle stand
Das Königstor (Wappen heute im Tor zur großen Schalterhalle eingelassen)

Als in den 1920er Jahren dann der Abbruch des alten Central Bahnhof an stand rettete der Heimatforscher Anton Gall 1926 ein Torfragment und ließ es in die Stadtmauer Weil der Stadt einbauen. Dort steht es seither als „Antoniustor“ in der Besengasse.
Ebenso blieb der imposante Torbereich bestehen und wurde in das Gebäude Bolzstraße 8 integriert. Die einmalige Empfangshalle und der Rest des Baues mußte dann der neuen Stadtplanung Stuttgarts weichen.

———————————————————————————————-

Karl von Etzel, geboren am 6. Januar 1812 in Heilbronn, studierte unter anderem bei Nikolaus Thouret an der Stuttgarter Gewerbeschule. Machte sich als Eisenbahningenieur und Architekt einen Namen. Er baute den Schwimmsaal des Dianabads, entwarf zahlreiche Eisenbahnstrecken in Württemberg (z.B. Geißlinger Steige), der Schweiz, in Ungarn und in Kroatien. Die von ihm entworfenen Brennerbahn (1864-67) erlebte er nicht mehr.
Zwei Tunnel stammen in Stuttgart von Karl von Etzel: Der ursprüngliche Rosensteintunnel, der direkt unter Schloss Rosenstein hindurchführt und bis 1915 in Betrieb blieb. Sowie die erste Röhre des Pragtunnels, durch die heute noch die S-Bahn nach Feuerbach fährt. Hier begann mit dem ersten Spatenstich am 26. Juni 1844 die Geschichte der Württembergischen Staatsbahnen.
Im November 1864 erlitt er einen ersten Schlaganfall, weshalb er um seine Entlassung aus dem Projekt „Brennerbahn“ bat und in seiner Villa am Fuß des Etzelschen Weinbergs am Kriegsberg den Lebensabend genießen wollte. Am 2. Mai 1865, bei der Heimreise mit einem Sonderzug von Wien nach Stuttgart-Cannstatt, erlitt er einen zweiten Schlaganfall und mußte die Reise im Bahnhof Kemmelbach (Niederösterreich) unterbrechen, wo er auch kurze Zeit später verstarb.
Sein Grabmal auf dem Pragfriedhof besteht aus Steinen vom Brenner und ist mit einem Reliefbildnis geschmückt. Die ursprüngliche Grabstätte befand sich auf dem Stuttgarter Hoppenlaufriedhof, wo auch Etzels Vater und Großvater beigesetzt wurden.

4 Kommentare

  1. susanne mvuyekure sagt:

    Danke für die schöne Zusammenstellung und Recherchen:)
    + blogroll-> hinzufügen könntest Du noch:bahn-request@listen.attac.de
    + tweets

  2. F. Fischer sagt:

    Hallo Herr Dietenberger. Sie haben da sehr schöne Bilder vom Centralbahnhof. Danke dafür. Gibt es die Luftaufnahme von 1922 (Bild 13 wohl) in einer größeren Auflösung? Für eine kurze Nachricht an meine e-mail-Adresse wäre ich dankbar.

  3. Hallo Herr Dietenberger,

    vielen Dank für die geschichteliche Darstellung des Bahnhofes von Stuttgart. Leider muß ich da ein wenig korrigieren: Die Aufnahme des Bahnhofes mit den Arkaden (heutiges Kino) ist NICHT der Bau von Carl Etzel! Es ist das heute noch fast unveränderte bestehende Gebäude rechts des Kinos. Mit dem heutigen Bonatzbau hatte Stuttgart drei Bahnhöfe: Der erste von Carl Etzel 1845 bis 1865, der zweite von Georg von Morlok 1865 bis 1922 und der dritte von Paul Bonatz 1922/1928 bis … Georg Morlok erweiterte den zweiten Bahnhof 1865 um die gleiche Anzahl an Gleise und stellte an den Kopf seine Arkaden, wobei der Etzelbau links von den Arkaden (dem Morlok-Bau) gespiegelt nachgebaut wurde.

    Grüße aus Heidenheim
    Uwe Siedentop

  4. […] im inzwischen völlig umgebauten Gebäude befindet sich jetzt ein Kino. Interessant finde ich einen weiteren Artikel, auf den bei kessel.tv verlinkt wird. Da heißt es zum […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.