{"id":1489,"date":"2012-08-21T20:13:27","date_gmt":"2012-08-21T18:13:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dietenberger.de\/blog\/?p=1489"},"modified":"2023-09-05T11:04:53","modified_gmt":"2023-09-05T09:04:53","slug":"der-nesenbach-stuttgart-im-flus-stuttgart-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dietenberger.de\/blog\/2012\/08\/21\/der-nesenbach-stuttgart-im-flus-stuttgart-geschichte\/","title":{"rendered":"Der Nesenbach &#8211; Stuttgart im Flu\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart behauptet sehr gerne Stadt am Neckar zu sein. Doch das erz\u00e4hlt man mal einem Cannstatter &#8211; Der wird heftigsten Protest einlegen. Nicht Stuttgart, sondern Bad Cannstatt liegt am Neckar. Stuttgart k\u00f6nnte sich h\u00f6chstens Stadt am Nesenbach nennen. Mag sie aber nicht, denn seit dem Mittelalter wird der Nesenbach nur mit F\u00e4kalien in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>ngg_shortcode_0_placeholderWer durch Stuttgart geht bewundert vielleicht die tollen Geb\u00e4ude aus den verschiedensten Epochen, bewundert und genie\u00dft vielleicht das viele Gr\u00fcn in der Stadt und die gem\u00fchtlich, schaffige Atmosph\u00e4re Stuttgarts und die vielen Brunnen und St\u00e4ffele, aber einen Flu\u00df, einen Bach oder dergleichen sucht ein Besucher vergebens in Stuttgart. Zwar gibt es aus fr\u00fcherer Zeit noch den Feuersee, der aber au\u00dfer den Wasserschildkr\u00f6ten nicht viel sehenswertes bietet. Ebenfalls stolpert ein Besucher eventuell aus Versehen beim Gang von der K\u00f6nigstra\u00dfe zur Staatsoper \u00fcber den Eckensee, doch auch hier wird er eher nicht verz\u00fcckt schauen, viel mehr seine Nase r\u00fcmpfen beim Geruch des gekippten k\u00fcnstlichen Gew\u00e4ssers das im Charme der 60er in einem Eckigen Betontrog (daher Eckensee) vor sich her schwappt. Fr\u00fcher lag dort ein oval angelegter See mit nat\u00fcrlichem Zu- und Abflu\u00df. Weiter unten im Schlo\u00dfgarten das \u00e4hnliche Bild. kleine, k\u00fcnstliche Bachl\u00e4ufe die mehr stehen als laufen; die mehr stinken als verzaubern. Diese enden dann ebenfalls in k\u00fcnstlich angelegten T\u00fcmpeln. Schade eigentlich! Denn Stuttgart h\u00e4tte das so gar nicht n\u00f6tig! Stuttgart hat seit je her einen ansehnlichen Bach dessen verlauf einmal durch das ganze Tal verl\u00e4uft. Wie so oft in der Geschichte der Stadt hatte auch hier der Stuttgarter nichts f\u00fcr die Natur, f\u00fcr den Nesenbach \u00fcbrig. Man benutzte ihn lediglich!<\/p>\n<p>Aber mal von Anfang an:<br \/>\nBevor sich die Stadt Stuttgart in diesem Tal entwickelte gab es dort fr\u00fcher eigentlich nichts au\u00dfer sumpfige B\u00f6den und W\u00e4lder. Dieses Tal mu\u00df so uninteressant gewesen sein das sich lange niemand dorthin verirrte. Weder Kelten, noch R\u00f6mer schlugen hier ihre Lager auf. Sie alle wanderten oberhalb des Tales entlang, \u00fcber den heutigen Pragsattel, nach Cannstatt. Dort gefiel es dann wieder nachweislich vielen Kulturen. Lediglich einmal mu\u00df sich ein Eiszeitlicher J\u00e4ger an den Talrand Stuttgarts verirrt haben. Man fand eine kleine Rastst\u00e4tte etwa unter der heutigen Treppe der gro\u00dfen Schalterhalle des heutigen Hauptbahnhofs. Auf ein Zug wartete er wohl noch vergebens. So richtig besiedeln wollte also dieses Tal niemand. Erst als man den Stutengarten und sp\u00e4ter die Residenz nach Stuttgart verlegte wurde das Tal mehr und mehr bewohnt und so auch versucht trocken zu legen.<\/p>\n<p>Das man da fr\u00fcher sehr kreativ und mit viel K\u00f6nnen zu Gange war kann man heute in alten B\u00fcchern nachlesen. So wird beispielsweise beschrieben das die Wengerter ein ausgekl\u00fcgeltes Entw\u00e4sserungssystem an den H\u00e4ngen entwickelt hatten nachdem bei gr\u00f6\u00dferen Regen immer Massen von Wasser schnell ins Tal liefen. Durch geschickte Kanalisierung des Regenwassers brauchte es nach einem Regen gut einen Tag bis es durch die Kan\u00e4le unten im Tal ankam. Diese Verz\u00f6gerung war bitter n\u00f6tig, denn bei Regen schwoll auch der friedliche Nesenbach zu einem rei\u00dfenden Strom an. Es gab einige gro\u00dfe \u00dcberschwemmungen (gr\u00f6\u00dfte 31.7.1508, letzte 1951, 1965 und 1966) die jedes mal die ganze Stadt verw\u00fcsteten. Jedes mal litten vor allem die Holz- und Lehmh\u00e4user stark. ngg_shortcode_1_placeholderSo kam es das man per Erlass regelte die ersten 50cm eines Hauses zu mauern um weniger Sch\u00e4den bei einer \u00dcberschwemmung zu haben. Bei einer Grabung im Tonnengew\u00f6lbe des alten Schlo\u00dfes 2008 fand man Grundmauern des Vorg\u00e4ngerbaues, das wohl durch eine Untersp\u00fclung eingest\u00fcrzt sein mu\u00df. Danach drehte man den heutigen Bau um 45 Grad damit die Mauern mit dem Bachlauf standen und keinen Riegel mehr bildeten. Einige dieser \u00dcberschwemmungen forderten Todesopfer. Deshalb und auch weil der Nesenbach immer mehr zum Entsorgen von Allerlei M\u00fcll bis zu den F\u00e4kalien diente wurde der Bach zuerst eingefasst und im Laufe der Zeit auch immer mehr verdolt. Damals tat dies sicherlich der Nase gut, aber die Natur war au\u00dfen vor. Der Nesenbach war Lebenselexsir. F\u00fchrte er zun\u00e4chst ausschlie\u00dflich Trinkwasser in die Stadt, wurden sp\u00e4ter mit Hilfe seiner Wasserkraft die M\u00fchlen Stuttgarts betrieben, und so siedelten sich auch Metzger, Gerber etc. am Bachlauf an. Entsprechend nahm die Verunreinigung kontinuierlich zu. Um den Bach in der Regenarmen Zeit aber nicht von dem ganzen Unrat verstopfen zu lassen brauchte es mehr Wasser. So wurde der Pfaffensee aufgestaut und durch den Christophstollen mit dem Nesenbach verbunden. So konnte man immer mal wieder den Bach frei machen und bei bedarf zus\u00e4tzliches Wasser f\u00fcr die M\u00fchlen zuf\u00fchren. Bei extremen Regenwetter oder zu Reinigungszwecken wird noch heute Wasser durch den Christophstollen in den Nesenbachsammler geleitet.<\/p>\n<p>Begibt man sich heute auf das Niveau des Nesenbachs in der U-Bahn Haltestelle Rathaus. Dort wurde der Nesenbach 1886 f\u00fcr einen Franzosen zum Verh\u00e4ngnis. Dieser hatte angeblich zu tief ins Glas geschaut und fand nachts nicht mehr nachhause. Wie er so vor sich hin torkelte, stie\u00df er zu dem einzigen Zugang zum \u00fcberdeckelten Nesenbach unweit der heutigen U-Bahn Haltestelle Rathaus. Er verlor den Halt, fiel in den Fluss und trieb durch den Kanal, bis ihn ein Hofg\u00e4rtner aus den Fluten rettete. Von da an nannte man den Zugang in der Marktstra\u00dfe das \u201cFranzosenloch\u201d.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_2_placeholderHeute erinnern an den Nesenbach nur noch die Nesenbachstra\u00dfe und der seit den 80ern fertiggestellte k\u00fcnstliche Nesenbach durch das Gerberviertel, der nie Wasser f\u00fchrte aus Angst man k\u00f6nnte sich oder sein Auto verletzen. \u00c4ltere Stuttgarter m\u00f6gen sich noch an ein St\u00fcck des Nesenbaches im Breuninger erinnern. Genau beim Breuninger verl\u00e4uft der Nesenbach. ngg_shortcode_3_placeholderDeshalb mu\u00df man im \u00dcbergang vom Mittelbau zum Hochhaus im Erdgeschoss kurz eine (Roll-)Treppe runter und wieder hinauf gehen. Genau dort flie\u00dft der kanalisierte Nesenbach hindurch. Heute gar nicht mehr sichtbar, fr\u00fcher durch Aquarien angedeutet war dies immer ein Hingucker. Ebenfalls flie\u00dft der Nesenbach unter dem Planetarium unterhalb des Projektors hindurch.<\/p>\n<p>Heute dient der gesamte Nesenbach als Hauptsammler des gesamten s\u00fcdlichen St\u00e4dtischen Abwassers. Was fr\u00fcher bei der K\u00f6nig-Karlsbr\u00fccke direkt in den Neckar flo\u00df wird heute umgeleitet und im Kl\u00e4rwerk M\u00fchlhausen aufbereitet. Jedoch ist der trotz Kanalisierung und in den Untergrund verbannte Nesenbach l\u00e4ngst nicht gez\u00e4hmt worden. Auch heute noch bei jedem Regen k\u00e4mpft Stuttgart mit den Regenmassen die das Tal herunter rollen. Dem Autofahrer und Fu\u00dfg\u00e4nger f\u00e4llt das auf wenn auf den Stadtautobahnen Wasserstr\u00f6me statt Autos laufen. Im Untergrund herrscht dann Alarm! ngg_shortcode_4_placeholderPl\u00e4tschern normalerweise 1000 Liter pro Sekunde den verdolten Nesenbach ins Tal, rasen bei Regen rund 100.000 Liter pro Sekunde durch den Hauptsammler. Um den Massen der versiegelten Stadt noch irgendwie Herr zu werden mu\u00dfte die Stadt sogenannte Regensammelbecken bauen. Eines der gr\u00f6\u00dften liegt unter dem Mineralbad Leuze. Was bei sch\u00f6nem Wetter leer ist und nur vom Nesenbach gestreift wird l\u00e4uft bei Regenwetter binnen wenigen Stunden voll unnd f\u00e4ngt so unmenegen Regenwasser auf und verhindert so das Stuttgart im Regen untergeht.<\/p>\n<p>Tja und nun? Was machen mit dem Nesenbach? Ihn weiter vergessen und ihn seiner Aufgabe als Abwassersystem sein Dasein gew\u00e4hren lassen? Oder ihn wenigstens teilweise aus seinem engen Korsett zu befreien und ihn wieder in das Stadtbild integrieren? Ihn als nat\u00fcrlichen Zulauf f\u00fcr die Seen in Stadt und im Park zu nutzen statt teures Geld f\u00fcr Reinigung und Pumpen auszugeben? ngg_shortcode_5_placeholderTja, man k\u00f6nnte sicherlich einiges machen wenn man wollte. Leider fehlt den Stadtoberh\u00e4uptern wie eh und je jeglicher Sinn f\u00fcr eine lebenswerte Stadt! Und da diese Idee erst einmal auch noch richtig Geld kosten w\u00fcrde wird dies wohl leider immer ein Wunschgedanke bleiben. Damit l\u00e4sst sich halt nicht auf die schnelle Geld machen oder einen Investor locken. Jedenfalls nicht die, die man bisher immer all zu gerne umworben hat. Immer mal wieder gibt es Initiativen Teile wieder an die Oberfl\u00e4che zu holen, doch bisher hat es keine der Initiativen vern\u00fcnftig in die Tat umsetzen k\u00f6nnen. Mal scheiterte es am Geld, mal an den Einwohnern, mal an den Grundst\u00fccksverh\u00e4ltnissen. ngg_shortcode_6_placeholderDie bekanntesten Versuche waren zum einen die Nesenbachstra\u00dfe. Hier wurde ein k\u00fcnstliches Bett angelegt. Dies sah aber niemals Wasser da es von den Anwohnern mit der Begr\u00fcndung verhindert wurde es w\u00e4re dann zu laut und zu gef\u00e4hrlich. Richtung Kaltental dolte man in den 90er Jahren den Nesenbach nahezu komplett ein und legte dar\u00fcber einen k\u00fcnstliches, kleines Bachbett an das heute eher so vor sich hin vegetiert. Gleiches gilt f\u00fcr die unteren Anlagen im Schlo\u00dfgarten. Hier wurde immer wieder versucht mit Frischwasser einen Bachlauf zu simulieren. Leider sind alle kleinen Seen und das Rinnsal eher Brutst\u00e4tte tausender M\u00fcckanarten als einer Erfrischung f\u00fcrs Auge. Ob Stuttgart also je wieder seinen Nesenbach sehen wird bleibt weiter ungewiss. Die Zeit l\u00e4uft gegen ihn. Viele Zugezogene Stuttgarter schauen einen heute schon verdutzt an wenn man von Stuttgart am Nesenbach redet. &#8222;Nesen-was? Du meinst sicherlich den Neckar?&#8220;<\/p>\n<p>ngg_shortcode_7_placeholder Bilder: Dietenberger, Kunz, SES<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stuttgart behauptet sehr gerne Stadt am Neckar zu sein. Doch das erz\u00e4hlt man mal einem Cannstatter &#8211; Der wird heftigsten Protest einlegen. Nicht Stuttgart, sondern Bad Cannstatt liegt am Neckar. Stuttgart k\u00f6nnte sich h\u00f6chstens Stadt am Nesenbach nennen. 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