Vor 95 Jahren: Die Novemberrevolution in Stuttgart

1918, Stuttgart. Der Erste Weltkrieg dauert nun schon vier Jahre an. Kaiser Wilhelm II führt unverdrossen den Krieg weiter obwohl längst absehbar ist das dieser verloren wird.
In Württemberg ist der König und die Württembergische Landesregierung, wie andere Bundesstaaten, dem Kaiser gegenüber absolut loyal was Politik und gefasste Kriegsbeschlüsse anbelangt. Wie überall im Reich werden auch in Württemberg königliche Truppen regelmäßig im Hof der Rotebühlkaserne zum Kriegseinsatz verabschiedet. Bei den kurzen Ansprachen Willhelm II im Kasernenhof hat er Tränen in den Augen, wie Soldaten später erzählen werden.

Insgesamt ziehen bis Kriegsende allein aus Württemberg 550000 Soldaten in den Krieg. Davon fallen oder sterben mehr als 2500 Offiziere und über 80000 Mann. Von den 200000 Verwundeten nicht zu sprechen.
Die Bevölkerung leidet derweil an den unmittelbaren Kriegsfolgen. Mangelernährung und Epidemien sind in Stuttgart, wie überall zu jener Zeit, an der Tagesordnung.

Im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten wie Bayern ist der Württembergische König Wilhelm II weitaus liberaler eingestellt. Er flaniert durch Stuttgart mit seinen beiden Spitzen, veranstaltet Herrenabende, an denen Rote Würste, Kartoffelsalat und Brezeln serviert werden und erkennt die Zeichen der Stunde im Winter 1918 frühzeitig. Die Parteien im Landtag verlangen die Ablösung der Beamtenminister und die Einführung einer parlamentarischen Regierung auf Grundlage der Monarchie. König Wilhelm II stimmt ohne Widerrede der Vorderung zu. Zwar ist Willhelm Monarch, jedoch mit demokratischen Denken. Er trifft sich gern mit den „Roten“ in Stuttgart oder Friedrichshafen.
Für den 9. November 1918 ist um 11 Uhr im Wilhelmspalais, dem Privatsitz des Königs, die Vereidigung der neuen Minister geplant.

Herbst 1918. Das Kriegsdesaster zeichnet sich immer mehr ab. Heerestruppen kämpfen längst auf aussichtslosen Posten. Als Ende Oktober dann eine letzte Hochseeflotte von Kiel zur „Entscheidungsschlacht“ auslaufen soll kommt es zu Meutereien und zu dem bekannten „Kieler Matrosenaufstand“.
In dieser Atmosphäre kommt es überall im Reich zu Massendemonstrationen.

Württemberg ist das Ursprungsland der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Ein extremer Flügel der Sozialdemokratie. Stuttgart ist zu dieser Zeit tief „Rot“ trotz Monarchie. König Willhelm II selbst erlaubt 1907 den internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart zu veranstalten.

In den großen Betrieben wie Daimler und Bosch werden Arbeiterräte, in den Kasernen Soldatenräte und auf dem Land Bauernräte gegründet.
Ein noch heute bekanntes Mitglied der Arbeiterräte ist Paul Bonatz, Architekt des seit einem Jahr im Bau befindlichen neue Hauptbahnhofes. Er lässt sich zur Stärkung der moderaten Kräfte in den zentralen Vollzugsausschuss der württembergischen Arbeiterräte wählen und plädiert »vehement gegen den Übergang der Novemberrevolution in die drohende Rätediktatur«.

Flugblätter beherrschen die Straßen Stuttgarts.
Am 5. November erscheint eine neue Zeitung in Stuttgart.
„Die Rote Fahne“ das „Mitteilungsblatt des Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrates“.
Gleich in der ersten Ausgabe werden die Forderungen der Räte veröffentlicht.

„Die Forderungen des Arbeiter- und Soldatenrates
1. Sofortiger Waffenstillstand und Abschluß des Friedens durch den Arbeiter- und Soldatenrat.
2. Abdankung aller Dynastien, einschließlich Wilhelm II. von Württemberg.
3. Auflösung des Landtags und des Reichstags. Die Regierung übernehmen sofort zu wählende Delegierte der Arbeiter, Soldaten, Kleinbauern und der Landarbeiter.
4. Sofortige und vollständige Aufhebung des Belagerungszustandes. Aufhebung jeder Zensur, volle Preßfreiheit; Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes.
5. Sofortige Freilassung aller politisch Inhaftierten und aller Militärgefangener ohne Ausnahme in Württemberg und im Reich.
6. Banken und Industrien sind zugunsten des Proletariats zu enteignen.
7. Annullierung der Kriegsanleihen von 1000 Mark aufwärts.
8. 7stündige Arbeitszeit; Festsetzung von Mindestlöhnen durch die Arbeiterausschüsse. Gleiche Löhne für männliche und weibliche Arbeiter.
9. Streiktage sind voll zu bezahlen.
10. Durchgreifende Umgestaltung des Heerwesens, nämlich
a) Verleihung des Vereins und Versammlungsrechts an die Soldaten in dienstlichen und außerdienstlichen Angelegenheiten;
b) Aufhebung des Disziplinarstrafrechts der Vorgesetzten; die Disziplin wird durch Soldatendelegierte aufrechterhalten;
c) Abschaffung der Kriegsgerichte;
d) Entfernung von Vorgesetzten auf Mehrheitsbeschluß der ihnen Untergebenen hin;
11. Abschaffung der Todesstrafe und der Zuchthausstrafe für politische und militärische Vergehen.
12. Übergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter.“

9. November 1918, Morgens. Die Entwicklung im Reich gegen Kaiser Wilhelm II. ist nicht mehr aufzuhalten. König Wilhelm II möchte deshalb gemeinsam mit der parlamentarischen Regierung von Württemberg durch eine Kundgebung zur Beruhigung der Volksbewegung in Württemberg beitragen.

„Kundgebung des Königs und des Staatsministeriums
                         vom 9. November 1918
Das neue Ministerium, das sich auf dem Vertrauen der gewählten Volksvertretung aufbaut, ist gebildet und hat die Regierung übernommen.
Der König hat in Übereinstimmung mit diesem neuen Ministerium die Einberufung einer konstituierenden Landesversammlung angeordnet. Sie soll durch allgemeine, gleiche, direkte, geheime Wahl der württembergischen Staatsangehörigen über 24 Jahre beiderlei Geschlechts gebildet werden. Ihre Aufgabe soll sein, unserem Staat eine den Bedürfnissen der neuen Zeit genügende Verfassung auf demokratischer Grundlage zu geben. Die Mehrheit des württembergischen Volkes soll damit in die Lage versetzt sein, die Entscheidung über die künftige Regierungsform zu treffen.
Der König spricht aus. daß seine Person niemals ein Hindernis einer von der Mehrheit des Volkes geforderten Entwicklung sein wird, wie er auch bisher seine Aufgabe einzig darin erblickt hat, dem Wohl und den Wünschen seines Volkes zu dienen.
Wir richten an das ganze Volk die dringende Mahnung und Bitte, in diesen Tagen der schwersten Not des Vaterlandes Besonnenheit zu bewahren und Ruhe und Ordnung zu halten.
Nur so kann unser Volk vor dem tiefsten Elend, vor den Gefahren der Hungersnot und dem Einbruch der Feinde in unser Land bewahrt werden.
    Stuttgart, den 9. November 1918
                                                                  Wilhelm.
                                    Liesching.    Kiene.    Hieber.    Lindemann.    Pistorius.    Köhler.

Ebenfalls 9. November 1918, Morgens. In den Briefkästen der Stuttgarter liegt folgendes Flugblatt.

„Mitbürger! Heute Vormittag wird die Arbeiterschaft Stuttgarts sich auf dem Schlossplatz und den benachbarten Plätzen versammeln, um von ihren berufenen Führern Mitteilungen über die innenpolitische Lage entgegenzunehmen. Die Versammlung will der ruhigen und geordneten Überleitung in andere staatsrechtliche Verhältnisse dienen. Die gesamte Einwohnerschaft bitte ich, Ordnung und Ruhe zu halten. Damit dient jeder am besten unserer Stadt und dem Vaterland.

Namens der Gemeindekollegien:        Lautenschlager, Oberbürgermeister“

Typisch Stuttgarterisch, typisch Schwäbisch eben. Revolution ja, aber bitte geordnet.

Die Novemberrevolution nimmt nun auch in Stuttgart Fahrt auf.

Den angekündigten Versammlungen der Sozialisten am 9. November folgt ein Demonstrationszug durch Stuttgart. Als der Zug am Wilhelmspalais vorbei läuft löst sich eine  kleine Gruppe, die durch einen demokratischen „Beobachter“ später so beschrieben wird:
„junges, unreifes Volk, Burschen und vor allem auch Mädchen von 15 und 16 Jahren und viele Soldaten mit zerbrochenen Gewehren“

Auf auf zum Kampf

Auf, auf zum Kampf !
Zum Kampf ! Zum Kampf sind wir geboren.
Auf, auf zum Kampf !
Zum Kampf ! Zum Kampf sind wir bereit !
Dem Karl Liebknecht haben wir´s geschworen
der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand

Wir fürchten nicht, ja nicht den Donner der Kanonen
wir fürchten nicht, ja nicht den Tod für Freiheit, Recht
Dem Karl Liebknecht haben wir’s geschworen
der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand

(Wir fürchten nicht, ja nicht,
den Donner der Kanonen!
Wir fürchten nicht, ja nicht,
die Noskepolizei!
Den Karl Liebknecht haben wir verloren,
die Rosa Luxemburg fiel durch Mörderhand.)

Dort steht ein Mann, ein Mann fest wie eine Eiche
der hat gewiß, gewiß schon manchen Sturm erlebt
Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche
wie es so vielen seiner Brüder geht

Kampflied aus der Arbeiterbewegung. Der Text in seiner heutigen Form wurde vermutlich 1919 basierend auf einem gleichnamigen deutschen Soldatenlied aus dem Ersten Weltkrieg geschrieben

Dieser „Haufen“ überklettert den Zaun des Wilhelmspalais und kann die Wachposten, da es keine Gegenwehr gibt, schnell entwaffnen. Auch die Wache des benachbarten Waisenhauses macht keine Anstalten einzugreifen. Auf Wunsch des Königs haben sie alle Schießverbot. Es soll auf keinem Fall seinetwegen Blut vergossen werden.
So dringen sie fast ungehindert in das Wilhelmspalais ein. Hier wurden eben noch die Minister der neuen Regierung durch König Wilhelm ernannt.
Die Revolutionäre ziehen auf dem Dach sofort die gelbe Königsstandarte mit dem schwarzen Hirschhörnern ein und hissen dafür eine Rote Fahne. Wilhelm muß abdanken. Ein Wortführern der Revolutionäre sagt dazu: „’s isch aber wega dem Sischtem“.

Zur selben Zeit sind zahlreiche zentrale Punkte Stuttgarts in der Hand der Revolutionäre.
Überall hängen Rote Fahnen dafür als Zeichen auf den Dächern.

Bevor die Gruppe Revolutionäre im Wilhelmspalais wild umher läuft hat sich der Hausverwalter Gehör verschafft und bietet den Revolutionären an sie durch das gesamte Haus zu führen. Wenn auch nur ein einziges Gewehr oder ein einziger Mehlsack gefunden werde, solle man ihn als ersten erschießen. So durchstöbert eine Delegation zusammen mit dem Hausverwalter  das Wilhelmspalais von oben bis unten.
Es werden keine Waffen oder Lebensmittel gefunden. Im Wilhelmspalais hällt man sich streng an die Hungerration.
So ziehen dann die Revolutionäre weiter. Lediglich eine Delegation Arbeiter- und Soldatenräte bleibt im Wilhelmspalais zurück. Sie werden noch am selben Abend den König und Gemahlin sicher in ihr Jagdschloß Bebenhausen geleiten.

SPD, USPD, Gewerkschaften, Arbeiterrat und Soldatenrat einigten sich darauf, in Württemberg die Republik auszurufen und eine vorläufige Regierung zu bilden.


Am 10. November
wird schon eine provisorische Landesregierung auf breiter Basis von der Sozialdemokratie bis hin zum Zentrum gebildet. Selbst jetzt, da der König abgedankt hat haben die ausscheidenden bürgerlichen Mitglieder der zuvor eingesetzten parlamentarischen Regierung sich ordnungsgemäß „fernmündlich“ von König Willhelm II von ihrem Treueid entbinden lassen.

Wenige Wochen später, am 30. November 1918, verzichtet Wilhelm II als letzter deutscher Monarch endgültig auf den Thron. Im Staatsanzeiger steht zu lesen:

„Geleitet von den Gedanken, dass meine Person niemals ein Hindernis sein sollte für die freie Entwicklung der Verhältnisse des Landes und dessen Wohlergehen, lege ich mit dem heutigen Tage die Krone nieder.
Allen, die mir in 27 Jahren treu gedient und mir sonst Gutes erwiesen haben, vor allem auch unseren heldenmütigen Truppen, die durch vier Jahre schwersten Ringens mit größtem Opfermut den Feind vom Vaterland ferngehalten haben, danke ich aus Herzensgrund, und erst mit meinem letzten Atemzuge wird meine Liebe zur teuren Heimat und ihrem Volke erlöschen.
Gott segne, behüte und schütze unser geliebtes Württemberg in aller Zukunft!
                            Wilhelm, Herzog zu Württemberg“

Das „Schwäbische Tagblatt“ schreibt dazu:
„Die revolutionäre Bewegung richtete sich nicht im geringsten gegen die Person des Königs, sondern gegen das monarchische System das unter Wilhelm II von Hohenzollern bankrott gemacht hat. Die persönliche Achtung, die der Person des Königs bisher im Volke entgegengebracht wurde, wird durch den Thronverzicht nicht gemindert.“

Nur ein paar Tage später wird mit Herzog Wilhelm ein Abkommen getroffen, das ihm eine Jahresrente von 200000 Mark sichert. Alle Minister der provisorischen Regierung, auch die Unabhängigen Sozialdemokraten, sowie die Arbeiter- und Soldatenräte stimmen einstimmig zu.

Drei Jahre später, am 2. Oktober 1921 stirbt Wilhelm in Bebenhausen. Auf seinen Wunsch hin wird er zur Seite seiner ersten Frau, die 40 Jahre zuvor verstorbene Prinzessin Marie zu Waldeck und Pyrmont und seinen beiden früh verstorbenen Kindern in Ludwigsburg beigesetzt. Auf Wunsch der Familie, und nicht auf Wunsch Wilhelms wie Gerüchte später sagen werden, wird der Leichenkondukt nicht durch Stuttgart, sondern über Böblingen, Vaihingen, Botnang, Feuerbach und Zuffenhausen zum Schloß Marienwahl Ludwigsburg gefahren.

(Bild)Quellen: Internet, Bundes- und Landesarchiv, diverse Bücher

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